„Geschlossene Unterbringung“ – Teufelswerk oder letzter Ausweg?

Am 28.01.2014 habe ich in der Harburger Bezirksversammlung einen Rede zum Antrag XIX-1883 der Fraktion DIE LINKE “Keine geschlossene Unterbringung in der Kinder- und Jugendhilfe” gehalten:

Sehr geehrtes Präsidium, meine Damen und Herren,
mit großem Interesse habe ich den Antrag der Linken gelesen. Allerdings kann ich ihm inhaltlich nur in den wenigsten Bereichen folgen.

Dass es in der Vergangenheit in geschlossenen Heimen zu inakzeptablen Vorfällen gekommen ist, ist sicher unstrittig. Und jeder dieser Vorfälle, war ein Vorfall zu viel! Aber aus diesen Vorfällen ein Versagen einer ganzen Form der Unterbringung zu konstruieren, geht dann doch zu weit. 

Fehlgeschlagen sind in diesen Fällen nicht die Konzepte der geschlossenen Unterbringung, sondern die Umsetzung derselben. Konzepte sind immer abhängig davon, wie sie von Menschen mit Leben erfüllt und umgesetzt werden – und dies beinhaltet immer die Gefahr des Scheiterns.
Der Antrag der Linken lässt zwischen den Zeilen einen Vorwurf durchschimmern, dass die Kinder und Jugendlichen in der geschlossenen Unterbringung zu fremdbestimmten Konformisten erzogen werden sollen. An diesem Bild ist so vieles falsch und verzerrt und es wird obendrein der Arbeit in diesen Einrichtungen überhaupt nicht gerecht.
Um den Eindruck zu vermeiden, dass wir hier von der geschlossenen Unterbringung als einer alltäglichen Begebenheit in der Jugendhilfe sprechen, möchte ich darauf hinweisen, dass wir hamburgweit pro Jahr durchschnittlich von einer Anzahl von 10-15 Kindern und Jugendlichen reden, die geschlossen untergebracht sind. Dem gegenüber steht für das Jahr 2013 eine Zahl von 4156 Jungen und Mädchen, die öffentlich betreut werden, also in Jugendwohnungen, Kinderheimen und anderen öffentlichen Einrichtungen. Aktuell gibt es keinen einzigen Harburger Jugendlichen in einer geschlossenen Unterbringung. Die geschlossene Unterbringung ist und bleibt im Bereich der Kinder- und Jugendhilfe die Ultima Ratio – sie wird dann angeordnet, wenn alle anderen Hilfsangebote nicht gegriffen haben.

Wir können doch als Gesellschaft nicht wollen, dass bei Jugendlichen, die nicht willens oder in der Lage sind, sich innerhalb bestimmter gesellschaftlicher Grenzen zu bewegen, das Gefängnis die ultimative Grenzziehung ist. Das wäre eine Bankrotterklärung. Die Fürsorgepflicht des Staates gebietet, diese Jugendlichen nicht aufzugeben, sondern ihnen Alternativen aufzuzeigen. Dafür ist die Anwesenheit dieser Jugendlichen allerdings eine Voraussetzung. Erziehung kann nur in Anwesenheit erfolgen!

Mir ist bewusst, dass die geschlossene Unterbringung wahrlich nicht unumstritten ist, dieses Thema wird sehr kontrovers diskutiert. Dazu möchte ich den 14. Kinder- Jugendbericht der Bundesregierung aus dem Jahr 2013 zitieren, der dieses Spannungsfeld beschreibt und sich auf die Untersuchung „Mildere Maßnahmen sind nicht möglich!“ Freiheitsentziehende Maßnahmen nach § 1631b BGB in Jugendhilfe und Jugendpsychiatrie von Sabrina Hoops und Hanna Permien aus dem Jahre 2006 bezieht:

„Als zentrales Ergebnis der Untersuchung kann festgehalten werden, dass Geschlossenheit den Aufbau pädagogischer Beziehungen zunächst erschwert (wie schon immer kritisiert) und erst dann positiv wirken kann, wenn Jugendliche „ihrerseits paradox reagieren und die ‚Zwangsangebote’ quasi ‚freiwillig’ annehmen“ (Permien 2010, S. 89). Andererseits konnte die Studie die Behauptung, unter Zwang entwickelten sich keine tragfähigen Beziehungen, nicht bestätigen (so schon Pankofer 1997). In wenigen Einzelfällen und nur unter der Voraussetzung, dass Gefahr für Leib und Leben des Kindes, Jugendlichen oder einer dritten Person besteht, scheint es jedenfalls im Sinne einer advokatorischen Ethik fachlich geboten zu sein, zeitlich eng begrenzt freiheitsentziehende Maßnahmen anzuwenden (vgl. Trede 2003).“

Und nun konkret zum Petitum Ihres Antrages:

Mir erschließt sich nicht, warum Sie unter Punkt 1 fordern, dass das Jugendamt Harburg keine Empfehlung zur geschlossenen Unterbringung aussprechen soll, wenn Sie doch unter Punkt 2 eine eingehende Diskussion über das „Für“ und „Wider“ der geschlossenen Unterbringung fordern. Das klingt für mich nicht nach einer ergebnisoffenen Diskussion. Im Übrigen wird sich die SPD-Fraktion einer Diskussion im JHA nicht verschließen. Das unter Punkt 3 angeregte Modell zur Vermeidung der geschlossenen Unterbringung ist auf der Bezirksebene vollkommen falsch verortet.
Zu den übrigen 3 Punkten lässt sich nur wiederholen, dass ein Verbot der geschlossenen Unterbringung aus den bereits genannten Gründen nicht sinnvoll ist und sich die Anzahl der geschlossen untergebrachten Hamburger Jugendlichen in der Regel im Promillebereich und bei den Harburger Jugendlichen aktuell bei 0 befindet. Dies zeigt überdeutlich, dass regelhaft intensiv nach Alternativen zur geschlossenen Unterbringung gesucht wird, denn nur so sind die geringen Fallzahlen zu erklären.

Dementsprechend lehnen wir Ihren Antrag ab.